Wenn die Eltern schwierig werden



Zwei Frauen, Martina Schröder und Phili Hämer und ihre Familien stehen mitten im Leben zwischen Kindern, Partner und Beruf, als ihre Eltern krank und hilfsbedürftig werden.

 

Das Schlüsselerlebnis für Martina Schröder war der Heimweg vom Flughafen. Die Großeltern, Herr und Frau Schröder, holten Kinder und Enkelkinder nach den Ferien vom Flughafen ab, als Herr Schröder Senior zügig durch den Regen in die falsche Richtung davon fuhr. Die Urlauber wechselten ratlose Blicke, während Frau Schröder ihren Mann mit zusammengebissenen Zähnen nach Hause dirigierte. Einen Weg, den er schon hundertmal gefahren war.

 

Auch jetzt hätte Martina Schröders Mutter die schleichende Verschlechterung seines Zustandes nicht thematisiert. Erst als sie stürzt und er trotz ihrer Hilferufe stundenlang untätig neben ihr hockt, wird ihr und der Familie klar, dass es so nicht weiter geht.

 

So zog die Sorge um die Eltern bei der jungen Familie Schröder ein. Sie suchten eine Tagesbetreuung für den Vater, damit die Seniorin Frau Schröder wenigstens hin und wieder ein bisschen Luft zum Atmen hat. Nun kann sie mit ihrer kranken Hüfte zum Arzt gehen oder mit Martina Schröder in Ruhe einen Kaffee trinken.

 

Später wunderte sich Martina, mit welchem Geschick der Vater seine zunehmende Demenz überdeckt hatte, indem er niemanden mehr mit Namen ansprach, sondern verbindlich und liebenswert in die Runde grüßte. Oder dass er auf Familienfesten endlos die gleichen Geschichten erzählte.

 

Phili Hämers Mutter hingegen war schon immer eigenbrötlerisch. Sie hatte gelernt, eine angeborene Hörschwäche ein Leben lang zu überspielen. Auf die gleiche Art verbarg sie auch ihren schleichenden Gedächtnisverlust.

 

„Für meinen Mann und mich war immer völlig klar, dass wir unsere Eltern zu uns nehmen, wenn sie alt sind“, sagt Phili Hämer. „Nicht aus einem Wunsch nach heiler Welt und Familienglück heraus, sondern weil wir die Vereinzelung der Gesellschaft als massives Problem erachten“, erläutert Phili Hämer. Sie hatte erlebt, wie ihre Mutter ihre eigene Mutter und ihre Großtante im Haushalt versorgt hat. „Glücklich“, betont Phili Hämer, „war meine Mutter dabei natürlich nicht immer, aber es stand nie zur Debatte, die Alten abzuschieben.“

 

Irgendwann konnte Martina Schröders Mutter kaum noch gehen und der Vater wurde zunehmend wunderlicher. „Da mussten wir dann abwägen, wie es weiter geht“, erinnert sich Martina Schröder. Sie überlegten, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn die ganze Familie in ein gemeinsames Haus mit Einliegerwohnung ziehe. Aber der Großvater ist pingelig und fegt hundertmal am Tag die Terrasse. „Können wir das aushalten?“, fragten sich die Schröders.

 

In den Ferien reist Familie Hämer zur Oma. Aus der Distanz am Telefon hatten sich zwar Geschichten wiederholt, aber niemand dachte ernsthaft an ein Problem. Erst während des Besuchs wurde klar, dass Phili Hämers Mutter haaresbreit vor dem gesundheitlichen Kollaps stand. Sie dokumentierte ihre Zuckerwerte nur lückenhaft und lebenswichtige Medikamente nahm sie völlig unkontrolliert ein – entweder doppelt oder gar nicht. Als erste Konsequenz vereinbarte Phili Hämer mit einer befreundeten Nachbarin ihrer Mutter, dass diese gegen ein Entgelt regelmäßig nach der Mutter sieht.

 

Martina Schröder und Phili Hämer fragten sich an diesem Punkt, was tun wenn es jetzt noch schlimmer wird? Sie sprachen mit Freunden, Bekannten und sozialen Beratungsstellen darüber, wie es ist, wenn die Eltern alt und krank werden und sich eventuell nicht mehr selber versorgen können. „Sonst“, so sagt Martina Schröder, „würde man sich eines Tages fragen: ‚Oh Gott, was habe ich meinen Eltern eigentlich angetan?’ “

 

In Köln wurde Phili Hämers Mutter schließlich wegen psychischer Störungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Von der Psychiaterin erfuhr die herbeigeeilte Familie, dass es am besten wäre die Großmutter „fest zu setzen.“ „So schnell,“ berichtet Phili Hämer, „ist man weggesperrt. Wir hätten nur >ja< sagen müssen und meine Mutter wäre auf Nimmerwiedersehen in einem Heim verschwunden. So einfach ist das.“ Stattdessen hat die Familie Raum im Haus geschaffen und die Mutter zu sich geholt.

 

Martina Schröder hat sich jedoch dagegen entschieden, ihre Eltern zu sich ins Haus zu holen. „Ich wollte meinen Beruf nicht aufgeben und ich habe die Bedürfnisse meiner Kinder gegen die Bedürfnisse der eigenen Eltern abgewogen“, erklärt Martina Schröder. Sie beschloss, sich um die Eltern zu kümmern, ohne dass dies die eigene Familie überfrachtet. Sie suchten ein Heim in der unmittelbaren Nähe, damit sich die fünfköpfige Familie mit täglichen Besuchen abwechseln kann.

 

Für Martina Schröder ist eine glückliche Kindheit überhaupt die Voraussetzung dafür, mit den eigenen Eltern im Alter zurechtzu- kommen. „Nur weil ich so glücklich groß geworden bin, kann ich heute in unserem gemeinsamen Urlaub die Windeln meiner Mutter wechseln und sie am Wochenende zum Essen abholen“, erzählt Martina. „Oft sitzt sie nach dem Essen im Rollstuhl bei uns und sagt ‚Ich räume jetzt auf!’ Dann muss ich daran denken, was sie alles für mich und ihre eigenen Eltern getan hat, und dann sage ich ‚Ach lass mal Mutti, heute bin ich dran mit Aufräumen.’“

 

Im Hämerschen Garten klaubt die Großmutter heute Nüsse aus dem langen Gras. Täglich kümmern sich alle Familienmitglieder darum, dass die Seniorin ihre Tabletten nimmt, regelmäßig isst und sinnvolle Aufgaben in Haus und Garten übernimmt. Am liebsten schichtet sie mit Martin Hämer Holz oder hilft den Kindern beim „Pferdeäppeln.“

 

Phili Hämer glaubt nicht, dass es nötig ist, eine perfekte Kindheit gehabt zu haben, um seine Eltern im Alter um sich haben zu können. Dass sie sich heute um Ihre Mutter kümmert, sagt sie, ist eine Kulturleistung, eine Kopfentscheidung. Pflegen möchte sie ihre Mutter dennoch nicht. Da sieht sie Grenzen auf sich zukommen.

 

Martina Schröder entdeckt Grenzen an anderer Stelle. „Manchmal verlasse ich das Heim und finde alles schrecklich“, sagt sie, „dann denke ich, ich sollte sie mitnehmen zu uns nach Hause und doch alles ganz anders machen. Besonders am Wochenende, wenn wenige Betreuer da sind, ist es schlimm.“ Trotzdem ist Martina Schröders Entschluss unwiderruflich: „Trotz aller Zweifel, kann ich nicht nonstop verantwortlich sein, ich bleibe auf Distanz.“

 

Während die Großeltern früher eine große Anziehung auf die Kinder ausübten, werden sie zusehend umständlicher und älter. Stück für Stück ziehen sich die Kinder von den Aufgaben um die Großeltern zurück. Aber auf die Frage an Martina und Philis Kinder, würdest du dich um deine eigenen Eltern kümmern, wenn sie alt und krank werden, antworten sie unisono mit einem strahlenden „ja klar“.

Christiane Meyer-Ricks