
- Matthias Neuf, ASB Coburg
Ein Hausnotruf besteht nicht nur aus einem Gerät, das zu Hause installiert wird. Dahinter steckt vor allem ein gut organisiertes und ausgebildetes Team von Menschen, die jeden Tag ihr Bestes geben, um anderen zu helfen. Aber wie spielen diese beiden Einheiten - Gerät und Mensch – zusammen? Was kann der Hausnotruf leisten und wer sind eigentlich die Menschen, denen so viele Senioren vertrauen? Die Redaktion der Initiative Hausnotruf befragte dazu Matthias Neuf, Mitarbeiter des ASB in Coburg.
Redaktion Hausnotruf (HNR): Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
Matthais Neuf (MN): Während meiner Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker war ich bereits ehrenamtlich beim ASB Rettungsdienst tätig. In dieser Zeit stellte ich fest, wie groß der Bedarf an Hausnotrufsystemen bei Senioren in Coburg ist. Ich habe deshalb dem Vorstand vorgeschlagen, ein solches System in Coburg aufzubauen. Der Vorschlag wurde angenommen und ich übernahm den Aufbau des Systems.
HNR: Was mussten Sie lernen?
MN: Durch meinen erlernten Handwerksberuf und die Ausbildung zum Rettungsassistenten hatte ich bereits zwei Grundvoraussetzungen für diese Tätigkeit. Ich kenne die Technik und die Seite der Medizin. In verschiedenen Seminaren an unserer Bundesschule erwarb ich mir Kenntnisse z.B. im Marketing und in Rhetorik.
HNR: Ein Beruf mit Zukunft, aber sicher nicht für jeden geeignet. Welche persönlichen Eigenschaften braucht man für Ihren Beruf?
MN: Da ich für viele Senioren einziger Ansprechpartner bin, werde ich mit vielen Problemen meiner Kunden konfrontiert. Diese liegen oft auch außerhalb der sonst für den Hausnotruf typischen Problemstellungen. Da ich mir für meine Region ein soziales Netzwerk geknüpft habe, kann ich meist immer helfen. Ich denke sagen zu können, dass ich ein guter Zuhörer bin.
HNR: Was passiert wenn ein Notruf eingeht?
MN: Wir unterscheiden zwischen drei verschiedenen Arten von Notrufen:
1. der medizinische Notfall
2. der soziale Notruf
3. der pflegerische Notruf
Die Hausnotrufzentrale verständigt bei einem medizinischen Notruf den Rettungsdienst. Wir haben es so organisiert, dass der Rettungsdienst bzw. der Notarzt ohne großen Zeitverlust den Teilnehmerschlüssel aufnehmen kann und zum Teilnehmer fährt.
Bei sozialen Notrufen handelt es sich meistens um Stürze oder Personen, denen plötzlich die Kraft fehlt, alleine aufzustehen. Hier fährt unser ASB Bereitschaftsdienst raus. Nach dem Eintreffen leistet der die notwendige Hilfe. Oft entwickelt sich noch ein Gespräch. Wenn das Anliegen behoben ist, fährt unser Mitarbeiter wieder.
Der Bereitschaftsdienst wird von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Rettungsdienst durchgeführt. Bei pflegerischen Einsätzen wird die diensthabende Pflegefachkraft alarmiert.
HNR: Was ist die größte Schwierigkeit, die Ihnen in Ihrer Arbeit begegnet?
MN: Es ist leider immer noch so, dass viele Senioren meinen, wenn sie an ein Hausnotrufsystem angeschlossen sind, dass der Teilnehmer alt, krank oder behindert ist. Es herrscht leider sehr oft der Gedanke vor, dass ein System nicht benötigt wird. Sicherlich ist das System ein finanzieller Aufwand. Ich habe es aber schon mehrmals erlebt, dass ich bei Menschen war, die das System nicht wollten. Einige Zeit später hatte ich diese dann als Patienten im Rettungsdienst. Sie lagen längere Zeit in der Wohnung oder hatten einen Schlaganfall. Der Umzug in ein Pflegeheim war dadurch unvermeidlich.
HNR: Können Sie uns von den Sorgen der Menschen berichten, die Sie betreuen?
MN: Die größte Angst der Menschen ist ein unwürdiges Sterben. Viele Menschen wollten keine intensivmedizinischen lebensverlängernden Maßnahmen. Daher bieten wir unseren Kunden die Hinterlegung einer Patientenverfügung an. Häufig wird auch die Angst vor Demenz genannt oder der Umzug in ein Pflegeheim.
HNR: Wie lange können Menschen in den eigenen vier Wänden ambulant versorgt werden?
MN: Unsere Sozialstation ist in der Lage, jeden Mensch solange er möchte in der eigenen Wohnung zu versorgen. Ein Pflegeteam aus unserem Haus versorgt sogar beatmungspflichtige Menschen in der eigenen Wohnung. Solange es einen funktionierenden und engagierten Hausnotrufdienst gibt, ist dies möglich.
HNR: In welchem Alter sind die Menschen, die Sie über den Hausnotruf betreuen. Wie ändert sich die Beziehung zwischen Ihnen und Ihren „Schützlingen“ im Laufe der Jahre?
MN: Das Durchschnittsalter unserer Kunden liegt bei 82 Jahren. Es gibt Teilnehmer, da hat sich ein durchaus freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Andere wiederum sind froh, wenn sie mich nicht sehen - dann geht’s ihnen gut.
HNR: Würden Sie Hausnotruf mehr Menschen empfehlen? Ab wann halten Sie ihn für sinnvoll?
MN: Sicherlich macht es Sinn, mehr Menschen an unser Hausnotrufsystem anzuschließen. Aufgrund unserer Marketingaktionen kennen alle Coburger das System. Dies macht sich auch in den Anschlusszahlen bemerkbar. In einem Einzugsgebiet von 120.000 Menschen nutzen 1.600 Menschen den Hausnotruf. Leider können wir nicht alle Senioren erreichen. Am häufigsten erhalten wir Aufträge aus Kliniken. Hieran sieht man, dass Personen solange warten bis etwas passiert ist. Wenige lassen sich aus Präventionsgründen anschließen. Wenn meine Eltern einmal 75 Jahre alt sind bzw. gesundheitlich beeinträchtig sind, werde ich dafür sorgen, dass Sie ein Hausnotrufsystem erhalten.
HNR: Wie kann ich testen, ob der Hausnotruf etwas für mich ist? Für wen eignet sich aus Ihrer Sicht der Hausnotruf?
MN: Wir bieten Interessenten an, den Hausnotruf vier Wochen kostenlos zu testen. Weiterhin hat das Sozialministerium aus NRW eine Bedarfsanalyse erstellt. Hierdurch lässt sich in nur zwei Minuten ermitteln, ob der Anschluss an eine Notrufzentrale Sinn macht.
HNR: Wo sehen Sie die größte Hemmschwelle zur weiteren Verbreitung des sinnvollen Hausnotrufdienstes?
MN: Die größte Hemmschwelle sind sicherlich die Kosten.
HNR: Wie könnte man diese Hemmschwelle beseitigen?
MN: Der Hausnotruf sollte ab einem gewissen Alter einfach dazugehören. Kostenträger sollten nicht nur Versicherten mit Pflegestufe ein Hausnotrufsystem zur Verfügung stellen dürfen, sondern auch Menschen, bei denen es gesundheitlich sinnvoll wäre.
„Ich weiß nicht, wie das Licht angeht“
Praktische Hilfe für Demenzkranke und deren Angehörige kann der Hausnotruf bieten.
„Entwickelt für die Pflege, haben wir mit dem Hausnotruf auch große Erfolge bei Demenzkranken erzielt“, sagt Ralf Glück von der Initiative Hausnotruf. „Wir haben Fälle, in denen der Patient den Notruf drückt, um zu fragen wie das Licht angeht, oder wir werden gebeten, den Fernseher auszumachen, weil der Patient vergessen hat, wie das Gerät zu bedienen ist.“ Diese Beispiele zeigen, dass viele Demenzkranke gelernt haben „wenn ich diesen Knopf drücke, wird sich um mich gekümmert.“
„Jeder Mensch ist anders und jeder Demenzverlauf auch“, sagt Herr Glück. Deswegen rät er dazu, den Hausnotruf ruhig einmal aus zu probieren, denn das Beste, was einem Demenzkranken passieren kann, ist solange es geht in den eigenen vier Wänden bleiben zu können."Wenn sich der Zustand des Patienten verändert" erläutert Herr Glück, „kann mit technischen Aktivitätskontrollen nachgerüstet werden. Über Funk und Magnetelemente wird ein Notruf gesendet, wenn zum Beispiel die Kühlschranktür sich länger nicht geöffnet hat, wenn in der Wohnung keine Bewegung stattfindet oder wenn sich die Haustür öffnet. Dann tritt, je nach Vereinbarung eine Organisationskette von Nachbarn, Familienangehörigen und Notarzt in Kraft, um den Patienten zu helfen.“
